37 Prozent der Engineering Leader arbeiten laut dem Engineering Leadership Report 2026 technischer als noch ein Jahr zuvor, bei Chief Technology Officers sind es 44 Prozent, bei Tech Leads 41 Prozent. Der Anteil der Engineering Manager, die selbst noch aktiv Code schreiben, stieg von 20 auf 35 Prozent. Nach Jahren, in denen sich technische Führungskräfte immer weiter vom Code entfernt haben, kehrt sich der Trend über praktisch alle Führungsebenen hinweg um. Als jemand, der selbst mehrere Jahre als Engineering Manager ein Team von bis zu 18 Mitarbeitern geführt hat und heute wieder jede Zeile Code selbst schreibt, interessiert mich diese Entwicklung besonders. Und ich sehe sie mit gemischten Gefühlen.
Warum KI-Agenten die Rückkehr zum Code erleichtern
Der Haupttreiber ist offensichtlich: KI-Agenten senken die Einstiegshürde für technische Beiträge drastisch. Emma Bostian, Engineering Leader bei Spotify, beschreibt es so: Natürliche Sprache erlaubt es, Kontext zu sammeln, Code zu generieren und Prototypen zu validieren in einem Bruchteil der bisher nötigen Zeit. Wer als Manager früher zwei Stunden gebraucht hätte, um sich in eine fremde Codebasis einzuarbeiten, kann heute mit einem KI-Agenten in wenigen Minuten einen ersten Überblick bekommen und selbst einen kleinen Fix beisteuern. Selbst Mark Zuckerberg und Sergey Brin sollen inzwischen wieder eigene Entwicklungszeit einplanen, mehrere Stunden pro Woche.
Was dabei auf dem Spiel steht
Genau hier wird es aus meiner Sicht heikel. Paul Williams von Bloomberg bringt die Kernverantwortung eines Engineering Managers auf den Punkt: Vision entwickeln, mit Stakeholdern verhandeln, Konsens herstellen, das Team fördern. Keine dieser Aufgaben wird durch einen KI-Agenten einfacher. Der Report, der die aktuellen Zahlen zusammenfasst, formuliert es unmissverständlich: Das Ziel ist nicht, wieder ein weiterer Ingenieur im Team zu werden.
Aus eigener Erfahrung als Führungskraft kann ich das nur unterschreiben. Die Stunden, die ich früher in Architekturentscheidungen, Konfliktlösung und die Entwicklung einzelner Teammitglieder gesteckt habe, waren nicht deshalb wertvoll, weil ich zu wenig Zeit zum Programmieren hatte. Sie waren die eigentliche Arbeit. Wenn ein Manager jetzt, weil es technisch leichter geworden ist, wieder mehr Zeit im Code verbringt, muss diese Zeit von irgendwo kommen. Und meistens kommt sie von genau den Aufgaben, die sich nicht durch einen Agenten abkürzen lassen.
Wo die Rückkehr zum Code tatsächlich Sinn ergibt
Das heißt nicht, dass die Entwicklung grundsätzlich falsch ist. Es kommt auf die Aufgabe an. Ein Manager, der mit einem KI-Agenten in wenigen Minuten einen Proof-of-Concept validiert, bevor er einem Team drei Wochen Entwicklungszeit zuweist, trifft bessere Entscheidungen. Wer einen kritischen Produktionsfehler selbst nachvollziehen kann, statt auf einen Statusbericht zu warten, führt glaubwürdiger. Auch Code-Reviews profitieren: Wer die Architektur eines Vorschlags selbst in einer Testumgebung nachstellen kann, stellt andere Fragen als jemand, der nur die Beschreibung im Pull Request liest. Der Unterschied liegt jeweils darin, ob der Code die Führungsarbeit unterstützt oder sie ersetzt. Nicht-kritische Aufgaben selbst zu übernehmen, während die Kernverantwortung unangetastet bleibt, ist eine sinnvolle Grenze.
Was das für kleinere Unternehmen bedeutet
Bei großen Tech-Konzernen ist das eine Frage der persönlichen Priorisierung. Im Mittelstand sieht die Ausgangslage oft anders aus: Hier ist die Führungskraft ohnehin näher am Code, weil Teams kleiner sind und getrennte Rollen für Architektur, Code-Review und Projektsteuerung sich schlicht nicht lohnen. Die eigentliche Warnung aus den aktuellen Zahlen gilt trotzdem: Auch als Ein-Personen-Unternehmen oder kleines Team lohnt es sich, bewusst zu unterscheiden, wann man als Entwickler und wann man als Entscheider gefragt ist. KI-Agenten machen beide Rollen leichter zugänglich. Sie ersetzen aber nicht die Klarheit, welche Rolle gerade tatsächlich gebraucht wird. Wer als Geschäftsführer oder technischer Leiter eines kleinen Teams jetzt öfter selbst im Code landet, sollte sich regelmäßig fragen, ob das aus echtem Bedarf passiert oder nur, weil es inzwischen bequemer geworden ist als die eigentliche Führungsaufgabe.
Die technische Distanz, die sich früher über Jahre in der Führung aufgebaut hat, verschwindet also tatsächlich wieder, das bestätigen die Zahlen. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, wofür die gewonnene Zeit am Ende genutzt wird.